Sie haben gestritten. Wieder. Und am Ende stehen Sie da – erschöpft, verwirrt, irgendwie schuldig. Obwohl Sie doch eigentlich recht hatten. Zumindest glaubten Sie das noch, bevor der Streit begann.
Jetzt zweifeln Sie. Vielleicht waren Sie zu empfindlich? Zu fordernd? Zu irrational? Genau das wurde Ihnen jedenfalls gerade erklärt – ruhig, überzeugt, mit einer Sicherheit, die Ihnen jedes Gegenargument aus der Hand geschlagen hat.
Ich kenne diese Geschichte. Ich kenne sie in so vielen Variationen, dass mich ehrlich gesagt nicht mehr viel überrascht. Was mich aber nie kalt lässt: das Gesicht der Menschen, die mir gegenübersitzen und ernsthaft glauben, sie seien das Problem.
Sie sind es nicht. Aber solange Sie nicht verstehen, nach welchen Regeln ein Streit mit einem Narzissten wirklich funktioniert, werden Sie jedes Mal wieder am gleichen Punkt landen. Das Erschreckende daran? Diese Taktiken haben Namen. Und sobald Sie sie kennen, werden Sie sie nie wieder übersehen.
Warum Narzissten Konflikte anders erleben als wir
Um zu verstehen, warum ein Streit mit einem Narzissten so anders verläuft als jeder andere Konflikt, müssen wir kurz einen Schritt zurückgehen.
Bei den meisten Menschen hat ein Streit ein Ziel: Missverständnisse klären, eine Lösung finden, wieder miteinander ins Reine kommen. Vielleicht ist der Weg dahin unangenehm – aber das Ziel bleibt dasselbe. Beide Seiten wollen, dass es danach besser ist.
Für einen Narzissten gilt das nicht.
Nicht weil er grundsätzlich kein Interesse an einer Beziehung hätte. Nicht weil er Sie hasst. Sondern weil sein inneres Erleben in einem Streit ein völlig anderes ist als Ihres. Was Sie als Meinungsverschiedenheit erleben, erlebt er als Angriff. Was Sie als sachliche Kritik meinen, landet bei ihm wie eine persönliche Demütigung. Und gegen eine Demütigung kämpft man – nicht mit dem Ziel zu verstehen, sondern mit dem Ziel zu gewinnen.
Das ist kein bewusster Plan. Das ist keine Strategie, die er sich morgens überlegt. Es ist eine tiefe, automatische Reaktion – verankert in einer psychischen Struktur, die Sie als Außenstehende kaum nachvollziehen können. Und genau das macht es so schwer.
Solange Sie glauben, dass Sie nur die richtigen Worte finden müssen, wird sich nichts ändern. Solange Sie denken, dass er es „irgendwann versteht”, werden Sie weiter dieselbe Erfahrung machen. Der Schlüssel liegt nicht in besseren Argumenten – sondern darin, das Spiel zu verstehen, das hier gespielt wird.
Streit als Bedrohung – nicht als Gespräch
Für eine narzisstische Persönlichkeit ist ein Konflikt keine Meinungsverschiedenheit. Es ist eine Bedrohung. Eine Bedrohung des eigenen Selbstbildes, der eigenen Überlegenheit – und tief darunter: der eigenen, meist unbewussten Scham.
Das klingt zunächst überraschend. Narzissten wirken nach außen hin selbstsicher, unberührbar, überlegen. Doch die Forschung zeigt seit Jahrzehnten etwas anderes: Hinter der Fassade aus Grandiosität verbirgt sich eine tiefe Verletzlichkeit. Scham – nicht Stolz – ist der eigentliche Motor narzisstischen Verhaltens.
Der Psychiater Otto Kernberg beschrieb bereits 1975 in seinem Buch, wie narzisstische Grandiosität als Schutzschild gegen genau dieses Schamgefühl funktioniert. Neuere Forschung bestätigt das: Eine Studie von Ritter et al. (2014) an der Charité Berlin zeigte, dass Patienten mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung signifikant stärkere implizite Schamreaktionen zeigten als eine klinische Vergleichsgruppe – obwohl sie nach außen hin kaum Scham zeigten.
Was das für einen Streit bedeutet: Jeder Widerspruch, jede Kritik, jede andere Meinung kann sich für den Narzissten existenziell anfühlen. Nicht unangenehm. Existenziell. Und gegen eine existenzielle Bedrohung kämpft man – nicht um Verständigung, sondern um Sieg.
Die eingeschränkte Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen
Dazu kommt ein zweiter Faktor, der einen Streit mit einem Narzissten so zermürbend macht: eine deutlich eingeschränkte Fähigkeit zur Mentalisierung.
Mentalisierung – ein Begriff, den der Psychoanalytiker Peter Fonagy geprägt hat – bezeichnet die Fähigkeit, sich wirklich in die innere Welt eines anderen Menschen hineinzuversetzen. Nicht nur zu verstehen, was jemand sagt. Sondern zu fühlen, was er erlebt.
Diese Fähigkeit ist bei narzisstischen Persönlichkeiten oft stark eingeschränkt. Fonagy und seine Kollegen zeigten, dass Menschen mit Persönlichkeitsstörungen unter emotionalem Stress nahezu vollständig in einen nicht-mentalisierenden Modus fallen – sie verlieren die Fähigkeit, die Perspektive des anderen auch nur ansatzweise einzunehmen.
Für Sie im Streit bedeutet das: Ihre Tränen bewegen nichts. Ihre Erschöpfung ändert nichts. Ihr Schmerz ist kein Argument – weil er für den Narzissten in diesem Moment schlicht nicht existiert.
Ein Muster, das sich immer wiederholt
Was mich nach all den Jahren noch immer beeindruckt, ist nicht die Schwere der Fälle, die ich begleite. Es ist die Präzision, mit der Betroffene das Erlebte beschreiben – oft mit einem einzigen Satz, der alles auf den Punkt bringt.
Eine Patientin, die ich jahrelang begleitet habe, sagte es einmal so – und ich denke noch heute daran:
Er hat mich mitten im Streit angelächelt. Nicht böse. Einfach so, als würde er ein Spiel spielen, das er schon gewonnen hat.
Genau das ist es. Für den Narzissten ist der Streit kein Konflikt – es ist ein Spiel. Und er kennt die Regeln besser als Sie, weil er sie selbst gemacht hat. Regeln, die Sie nie vereinbart haben. Regeln, die sich ändern, sobald Sie glauben, sie verstanden zu haben.
Das klingt frustrierend. Das ist es auch. Aber es gibt einen Ausweg – und er beginnt nicht mit einem besseren Argument. Er beginnt damit, das Spiel als das zu erkennen, was es ist.
Dafür müssen Sie zunächst verstehen, welche Taktiken dabei eingesetzt werden. Denn diese Taktiken haben Namen. Und sobald Sie sie kennen, können Sie sie nie wieder übersehen.
Die häufigsten Taktiken des Narzissten im Streit
Jetzt wird es konkret. Denn das Frustrierende an einem Streit mit einem Narzissten ist nicht nur das Gefühl danach. Es ist, dass man nicht genau benennen kann, was gerade passiert ist.
Man weiß nur: Irgendetwas hat sich falsch angefühlt. Irgendetwas hat nicht gestimmt. Aber was genau? Das bleibt im Ungefähren – und genau das ist gewollt.
Diese Taktiken haben Namen. Und sobald Sie sie kennen, werden Sie sie nie wieder übersehen.
Gaslighting – wenn die Realität umgeschrieben wird
Gaslighting ist wohl die bekannteste – und gleichzeitig die heimtückischste – Taktik im Arsenal des Narzissten. Der Begriff stammt aus dem Theaterstück „Gas Light” von 1938, in dem ein Mann systematisch die Wahrnehmung seiner Frau manipuliert, um sie an ihrem eigenen Verstand zweifeln zu lassen.
Im Alltag klingt das so:
„Das habe ich nie so gesagt.” – „Du erinnerst dich falsch.” – „Du bist viel zu empfindlich.” – „Das bildest du dir ein.”
Es geht nicht darum, die Wahrheit zu klären. Es geht darum, Sie so lange zu verunsichern, bis Sie nicht mehr sicher sind, was wirklich passiert ist. Bis Sie aufhören, auf Ihr eigenes Erleben zu vertrauen.
Eine Studie im Journal of Family Violence (2023) mit 315 Teilnehmern zeigte: Je stärker narzisstische Züge ausgeprägt sind, desto eher werden Gaslighting-Taktiken als akzeptables Mittel der Beziehungskontrolle angesehen – bewusst und gezielt eingesetzt, nicht als Missverständnis.
Narzisstische Rage – der kontrollierte Kontrollverlust
Manchmal explodiert der Streit. Nicht weil der Narzisst die Kontrolle verliert – sondern weil er sie behält, während er so tut als ob.
Narzisstische Rage ist kein gewöhnlicher Wutausbruch. Es ist eine gezielte Eskalation – laut, einschüchternd, oft von einem Moment auf den anderen. Ausgelöst nicht durch echten Schmerz, sondern durch das Gefühl, dass das eigene Selbstbild gerade angekratzt wird. Dass jemand – Sie – es wagt, ihm zu widersprechen.
Das Gespräch war ruhig. Sie haben einen Punkt gemacht, der nicht zu entkräften war. Und plötzlich kippt die Stimmung. Die Stimme wird lauter, der Ton schärfer, die Worte persönlicher. Sie sind nicht mehr beim Thema – Sie sind das Thema.
Die Wirkung ist verlässlich: Sie erschrecken, ziehen sich zurück, entschuldigen sich – obwohl Sie nichts falsch gemacht haben. Der ursprüngliche Streitpunkt ist vergessen. Die Rage hat ihren Zweck erfüllt.
Wichtig zu verstehen: Das ist keine Schwäche des Narzissten. Es ist eine Stärke – im Sinne seiner Strategie. Denn wer den anderen zum Schweigen bringt, hat gewonnen. Zumindest für heute.
Moving the Goalposts – kein Ende in Sicht
Sie haben ein Argument entkräftet? Gut. Denn jetzt kommt das nächste. Und dann noch eines. Die Vorwürfe wechseln, das Thema verschiebt sich, neue Punkte tauchen auf – und Sie rennen einem Ziel hinterher, das sich ständig bewegt.
Das nennt man Moving the Goalposts – das Verschieben der Torpfosten. Es ist keine Debatte. Es ist ein Ermüdungsmarsch. Das Ziel ist nicht, recht zu haben – das Ziel ist, Sie so lange zu beschäftigen, bis Sie entweder aufgeben oder einen Fehler machen, den man Ihnen vorhalten kann.
Sie erklären ruhig, was passiert ist. Der Narzisst wechselt das Thema: „Aber weißt du noch, vor drei Monaten…?” Sie gehen darauf ein. Neues Thema. Und so weiter – bis Sie nicht mehr wissen, worum es eigentlich ging.
Das Ziel war nie die Lösung. Das Ziel war die Erschöpfung. Und erschöpfte Menschen geben nach.
Silent Treatment – Schweigen als Waffe
Manchmal eskaliert der Streit nicht. Manchmal endet er einfach – mit einer Wand aus Schweigen.
Das Silent Treatment, also das bewusste Einfrieren der Kommunikation, ist eine der wirkungsvollsten Formen emotionaler Bestrafung. Es sendet eine klare Botschaft: Deine Gefühle, deine Worte, deine Existenz – das alles ist es mir gerade nicht wert, darauf zu reagieren.
Für Menschen mit einem gesunden Bindungssystem ist das kaum auszuhalten. Der Impuls, die Stille zu brechen, sich zu entschuldigen, irgendetwas zu tun, damit es wieder normal wird – er wird fast übermächtig. Und genau darauf wartet der Narzisst.
Denn wer die Stille bricht, gibt nach. Und wer nachgibt, hat – in den Augen des Narzissten – zugegeben, dass er im Unrecht war.
Das Schweigen ist keine Pause. Es ist eine Aussage. Und die lautet: Ich habe gewonnen.
Word Salad – Verwirrung als Strategie
Der Begriff klingt harmloser, als er ist. Word Salad bezeichnet das endlose Drehen im Kreis – Sätze, die viel sagen und nichts bedeuten. Antworten, die keine sind. Erklärungen, die verwirren statt zu klären.
Nach einem solchen Gespräch fühlen sich Betroffene wie nach einem langen Lauf ohne Ziel: erschöpft, desorientiert, ohne greifbares Ergebnis. Das ist kein Zufall. Verwirrung macht gefügig. Wer nicht mehr weiß, worum es geht, kann sich nicht mehr wehren.
Was all diese Taktiken gemeinsam haben: Sie funktionieren nicht trotz Ihrer Empathie – sie funktionieren wegen Ihrer Empathie. Weil Sie verstehen wollen. Weil Sie fair sein wollen. Weil Sie glauben, dass auch der andere das will.
Das ist keine Schwäche. Das ist menschlich. Aber es ist auch der Grund, warum Sie den nächsten Abschnitt lesen sollten.
Warum Sie trotzdem immer wieder mitspielen
Irgendwann stellen sich Betroffene diese Frage – oft mit einem Unterton aus Scham: Warum höre ich nicht einfach auf damit?
Die Antwort hat nichts mit Schwäche zu tun. Und nichts mit Naivität. Sie spielen mit, weil Sie in einem psychologischen System gefangen sind, das gezielt darauf ausgelegt ist, Sie genau dort zu halten.
Der Wunsch nach Gerechtigkeit – und warum er Sie festhält
Es beginnt mit etwas sehr Menschlichem: dem Wunsch, dass Dinge fair sind. Dass jemand, dem man etwas erklärt, es auch versteht. Dass sich ein Unrecht auflöst, wenn man es nur klar genug benennt.
Solange Sie glauben, dass der Narzisst Sie verstehen könnte – wenn Sie es nur richtig erklären – werden Sie es weiter versuchen. Noch ein Gespräch. Noch eine Erklärung. Noch eine Chance.
Und mit jedem Versuch investieren Sie mehr. Psychologen nennen das den Sunk-Cost-Effekt: Wir halten an Dingen fest, in die wir bereits viel investiert haben – auch wenn der Ausweg klar vor uns liegt. Nicht weil wir irrational sind. Sondern weil unser Gehirn so funktioniert.
Traumatische Bindung – wenn Nähe und Schmerz sich vermischen
Warum bleibt man in einer Beziehung, die einem schadet? Diese Frage höre ich oft. Und ich merke jedes Mal, wie viel Selbstkritik dahintersteckt – als wäre das Bleiben ein Zeichen von Schwäche oder mangelndem Verstand.
Dabei ist die Antwort viel nüchterner. Aus meiner Erfahrung mit Betroffenen – und das deckt sich mit dem, was die Forschung seit Jahrzehnten zeigt – entsteht emotionale Abhängigkeit genau dort, wo Machtungleichgewicht und unberechenbare Wechsel zwischen Zuneigung und Verletzung aufeinanderprallen. Nicht trotz des Schmerzes. Sondern durch ihn.
Narzisstische Beziehungen folgen einem Muster, das Sie vielleicht kennen:
- Strahlende Momente echter Wärme – gefolgt von plötzlichen, schmerzhaften Brüchen
- Versprechen, die kurz eingehalten werden – und dann wieder nicht
- Perioden tiefer Verbundenheit – abgelöst von Gleichgültigkeit oder Kälte
Genau dieser Wechsel hält Sie gefangen. Nicht die schlechten Momente – die würden Sie irgendwann vertreiben. Es sind die guten. Das Gehirn speichert sie, sucht sie, wartet auf ihre Wiederkehr. Wie ein Spielautomat, der gelegentlich auszahlt – unberechenbar genug, um weiterzuspielen.
Erlernte Hilflosigkeit – wenn man aufgehört hat zu kämpfen
Der Psychologe Martin Seligman beschrieb ein Phänomen, das er Erlernte Hilflosigkeit nannte: Wer wiederholt die Erfahrung macht, dass seine Handlungen keinen Einfluss auf das Ergebnis haben, hört irgendwann auf zu handeln – selbst dann, wenn eine Veränderung möglich wäre.
In einer narzisstischen Beziehung sieht das konkret so aus:
- Sie haben erklärt – es hat nichts geändert
- Sie haben Grenzen gezogen – sie wurden ignoriert
- Sie haben gekämpft – und sich danach schlechter gefühlt als vorher
Irgendwann hört man auf. Nicht aus Schwäche – sondern weil das Nervensystem gelernt hat, dass Versuche nichts bringen. Das ist eine Schutzreaktion. Aber sie hält Sie auch genau dort, wo Sie sind.
Sie sind nicht schwach – Sie wurden trainiert
Nach Monaten oder Jahren in diesem Muster glauben viele Betroffene, dass sie selbst das Problem sind. Zu wenig gegeben. Zu wenig verstanden. Nicht stark genug.
Narzisstischer Missbrauch hinterlässt keine Narben, die man zeigen kann. Er hinterlässt Zweifel – an der eigenen Wahrnehmung, am eigenen Urteil, an der eigenen Würde.
Das Grausamste daran ist nicht der Streit selbst. Es ist, was er über die Zeit mit Ihrem Selbstbild macht.
Sie sind nicht schwach. Ihre Empathie, Ihr Gerechtigkeitssinn, Ihre Bindungsfähigkeit – das sind Stärken. Sie wurden nur gegen Sie verwendet. Und genau deshalb ist der nächste Schritt so entscheidend.
Die goldene Regel: Aufhören zu gewinnen versuchen
Hier kommt etwas, das sich im ersten Moment seltsam anfühlt – vielleicht sogar falsch.
Der beste Weg, einen Streit mit einem Narzissten zu gewinnen, ist: nicht zu kämpfen.
Nicht weil Sie aufgeben. Nicht weil Sie klein beigeben. Sondern weil klassische Konfliktlösung hier schlicht nicht funktioniert.
1. Warum normale Konfliktlösung hier scheitert
In gesunden Beziehungen funktioniert Konflikt nach einem bestimmten Muster: Beide Seiten sprechen aus, was sie verletzt hat. Beide hören zu. Beide suchen einen Kompromiss. Am Ende ist es zwar nicht perfekt – aber es geht vorwärts.
Dieses Modell setzt eines voraus: dass beide Seiten dasselbe wollen. Nämlich eine Lösung.
Beim Narzissten ist das nicht der Fall. Er will keinen Kompromiss. Er will gewinnen. Und solange Sie nach den Regeln fairer Kommunikation spielen, haben Sie gegen jemanden, der nach ganz anderen Regeln spielt, keine Chance.
Hinzu kommt: Je mehr Energie Sie in eine sachliche Erklärung stecken, desto mehr Material geben Sie dem Narzissten. Jedes Argument, das Sie liefern, ist ein neuer Ansatzpunkt für die nächste Taktik. Jede Rechtfertigung signalisiert, dass Sie noch im Spiel sind. Genau das hält den Konflikt am Leben – nicht Ihre Fehler, sondern Ihre Beteiligung.
Das bedeutet nicht, dass Sie hilflos sind. Es bedeutet, dass Sie die Strategie wechseln müssen.
2. Die Methode des grauen Steins (Grey Rock)
Es gibt eine Technik, die im Umgang mit narzisstischen Persönlichkeiten seit Jahren bewährt ist – die sogenannte Grey-Rock-Methode, auf Deutsch: die Methode des grauen Steins.
Der Name sagt alles. Ein grauer Stein am Wegesrand ist uninteressant. Er reagiert nicht. Er provoziert nicht. Er gibt nichts zurück, womit man arbeiten könnte.
Genau das ist das Ziel. Denn was ein Narzisst im Streit braucht, ist Ihre Reaktion. Ihre Emotionen. Ihre Verteidigung. Ihre Wut. Sobald Sie das entziehen, verliert das Spiel seine Grundlage. Der Narzisst wird frustriert – nicht weil Sie ihn angreifen, sondern weil Sie ihm nichts mehr geben, womit er Sie angreifen kann.
In der Praxis bedeutet das:
- Kurze, sachliche Antworten – keine langen Erklärungen, die neue Angriffsflächen bieten
- Keine emotionalen Reaktionen zeigen, auch wenn es innerlich brodelt
- Keine persönlichen Details preisgeben, die später verwendet werden können
- Provokationen nicht kommentieren – einfach nicht darauf eingehen
Das klingt einfacher als es ist. Es erfordert echte Übung und Selbstkontrolle – besonders dann, wenn man seit Jahren darin trainiert wurde, sich zu erklären und zu rechtfertigen. Aber es wirkt.
3. Grenzen setzen – nicht als Kampf, sondern als Selbstschutz
Grenzen zu setzen bedeutet in narzisstischen Beziehungen etwas anderes als in gesunden. Es geht nicht darum, den anderen zu erziehen oder zu verändern. Es geht darum, sich selbst zu schützen.
Eine Grenze ist keine Drohung. Sie ist eine Aussage darüber, was Sie akzeptieren – und was nicht. Und sie muss nicht laut sein, um wirksam zu sein.
Was Grenzen in diesem Kontext bedeuten:
- Sie entscheiden, wann ein Gespräch für Sie beendet ist – nicht der Narzisst
- Sie verlassen den Raum, wenn der Ton kippt – ohne Erklärung, ohne Drama
- Sie antworten nicht auf Nachrichten, die provozieren sollen – und das ist eine vollständige Antwort
- Sie hören auf, sich für Reaktionen zu entschuldigen, die eine normale Antwort auf abnormales Verhalten sind
Grenzen schützen Sie nicht nur vor dem Narzissten. Sie erinnern Sie daran, dass Sie das Recht haben, sich zu schützen.
4. Sätze, die Sie sofort anwenden können
Manchmal hilft es, konkrete Formulierungen zur Hand zu haben. Nicht als Skript – sondern als Anker, wenn man gerade mitten im Sturm steht und der Kopf leer wird.
- „Ich sehe das anders.” – Kurz, ruhig, ohne Rechtfertigung.
- „Darüber möchte ich gerade nicht sprechen.” – Klar, ohne Entschuldigung.
- „Ich werde das nicht weiter diskutieren.” – Endgültig, ohne Erklärung.
- „Das nehme ich zur Kenntnis.” – Neutral, gibt nichts preis.
- „Okay.” – Manchmal ist das die stärkste Antwort überhaupt.
Was diese Sätze gemeinsam haben: Sie sind nicht aggressiv. Sie sind nicht defensiv. Sie geben nichts preis, womit der Narzisst weiterarbeiten könnte. Und sie signalisieren eines klar – Sie spielen nicht mehr mit.
Wichtig dabei: Diese Sätze wirken nur, wenn Sie sie auch durchhalten. Wer nach dem dritten Nachfragen doch noch erklärt, gibt das Signal, dass man mit genug Druck doch noch eine Reaktion bekommt. Konsequenz ist hier kein Starrsinn. Sie ist Selbstschutz.
5. Wann professionelle Begleitung der nächste Schritt ist
All das – die Grey-Rock-Methode, die richtigen Sätze, das Verstehen der Taktiken – ist ein guter Anfang. Aber manchmal reicht Wissen alleine nicht aus.
Wenn Sie merken, dass Sie sich nach jedem Kontakt tagelang nicht erholen. Dass die Selbstzweifel so tief sitzen, dass Sie Ihren eigenen Wahrnehmungen nicht mehr trauen.
Dass Sie nicht mehr wissen, was überhaupt Ihre eigene Meinung ist – dann ist professionelle Begleitung nicht nur sinnvoll. Sie ist notwendig!
Therapie bedeutet nicht, dass etwas mit Ihnen nicht stimmt. Es bedeutet, dass Sie aufgehört haben zu glauben, Sie müssen das alleine tragen.
Der Weg aus narzisstischen Mustern ist möglich. Er braucht Zeit, die richtigen Werkzeuge – und manchmal jemanden, der ihn mit Ihnen geht.
Wenn Sie bereit sind, diesen Schritt zu machen, können Sie hier ein kostenloses Erstgespräch vereinbaren und gemeinsam schauen, wie eine Begleitung für Sie aussehen könnte.
Fazit
Narzissten gewinnen keine Streitigkeiten, weil sie recht haben. Sie gewinnen, weil sie nach Regeln spielen, die Sie nie vereinbart haben – und weil Sie fair bleiben wollen, während die Gegenseite das nicht tut.
Das ist keine Schwäche. Das ist Menschlichkeit. Aber es ist auch der Grund, warum sich nichts ändert, solange Sie dasselbe weitermachen.
Was sich in all diesen Gesprächen immer wieder zeigt: Der Moment, in dem sich etwas verändert, ist selten der lauteste. Er ist meistens der, in dem jemand aufhört zu kämpfen – und anfängt zu verstehen, was hier eigentlich gespielt wird.
Verstehen alleine reicht nicht immer. Aber es ist der Anfang. Denn wer das Spiel durchschaut, muss es nicht mehr mitspielen.
Veränderung ist möglich. Auch nach Jahren in einem solchen Muster. Auch dann, wenn man längst aufgehört hatte zu glauben, dass es anders werden kann.
Wenn dieser Artikel etwas in Ihnen bewegt hat – dann ist das ein Hinweis. Einer, den es sich lohnt, ernst zu nehmen.
Was ich mir für Sie wünsche – und das meine ich so – ist nicht, dass Sie den perfekten Umgang mit dem Narzissten finden. Sondern dass Sie irgendwann an einem Punkt stehen, an dem dieser Streit keine Macht mehr über Sie hat. Nicht weil er aufgehört hat zu provozieren. Sondern weil Sie aufgehört haben, sich davon definieren zu lassen.
Sie müssen das nicht alleine herausfinden.
Quellen
Dieser Artikel basiert auf wissenschaftlichen Studien sowie der therapeutischen Praxiserfahrung von Dr. Reinhard Pichler.
Borderline Conditions and Pathological Narcissism. Jason Aronson, New York.
Open Library
Shame in patients with narcissistic personality disorder. Psychiatry Research, Charité Berlin.
ScienceDirect
A developmental, mentalization-based approach to the understanding and treatment of borderline personality disorder. Development and Psychopathology, 21(4), 1355–1381.
PubMed
„It’s All in Your Head”: Personality Traits and Gaslighting Tactics in Intimate Relationships. Journal of Family Violence.
Springer











